Von der Werkstatt zum Werkhaus

Gesamtmanagement statt Werkbänke: Wo früher Transformatoren gebaut und Kräne repariert wurden, werden heute Gesamtlösungen geplant und neue Arbeitswelten realisiert. Aber der Pioniergeist und die Leidenschaft der Maschinenbauer in der ehemaligen Industriehalle, die sind geblieben.

Die «Halle 39» hat viel erlebt. Der markante Sichtbacksteinbau wurde 1896 erbaut und diente der Maschinenfabrik Sulzer AG in Winterthur zunächst als Giesserei. 1927 wurde er um zwei Geschosse aufgestockt und fortan in immer wieder anderer Form genutzt: mal als Bauschlosserei, dann als Kranwerkstätte, mal als Modellschreinerei, dann als Labor der Qualitätskontrolle und schliesslich als Werkstatt für den Bau von Transformatoren. Anfangs der 90er-Jahre dann das Aus: Sulzer strukturierte um und zog aus. Während Jahren standen die Hallen leer, die Krananlagen still. Schliesslich wurde das Gebäude an eine Immobilienfirma verkauft.

Schoch wagt den ersten Schritt
1997 kehrte neues Leben in die alten Mauern ein. Die Firma  Schoch Werkhaus mietete die Halle als Büro- und Planungszenter sowie als Ausstellungs- und Verkaufsraum. Lange hatte das traditionsreiche Winterthurer Unternehmen nach neuen Räumlichkeiten gesucht, aber nichts Passendes gefunden. Im Stadtzentrum war das Angebot rar. Die leeren, trostlosen Gewerbebauten am Stadtrand aber eigneten sich schlecht - sowohl als Arbeitsort für die kreativen Spezialisten und Planer, als auch für die Präsentation von Designmöbeln eines Le Corbusier, Thonet oder Mies van der Rohe. Anders die alte Fabrik: 10 m hoch, gross wie eine Kirche, mit Backsteinwänden, riesigen Betonpfeilern und einem Stahlfachwerk für die Krananlagen, mit Dampf-, Druckluft- und Heisswasserleitungen, mit hohen Bogenfenstern und Scheddächern, mit Eisenbahnschienen im Boden, Manometern an den Wänden und Flaschenzügen an der Decke. Das hatte Charme und bot das richtige Ambiente. «Werkhaus» wurde das neue Haus der Brands fortan genannt, in Anlehnung an das Bauhaus in Dessau.

Fachstellen reden mit
Doch zuerst musste umgebaut werden. Keine leichte Aufgabe, waren alte und neue Nutzung doch grundverschieden. Dazu kamen Auflagen der Denkmalpflege, der Energiefachstelle, der Feuerpolizei, des Umweltamtes, der Baubehörde ... Kompromisse und findige Ideen der Architekten und der Bauherrschaft waren nötig, doch die Synthese ist schliesslich gelungen. 


Verzicht auf Wärmedämmung
Um den Anforderungen der neuen Nutzung an die thermische Behaglichkeit zu genügen, brauchte es eine wärmetechnische Verbesserung der Gebäudehülle. Die Fassade aussenseitig zu dämmen war aufgrund der Auflagen der Denkmalpflege undenkbar. Eine innen liegende Wärmedämmung kam aus anderen Gründen nicht in Frage: Die Dämmschicht wäre durch die tragende Stahlkonstruktion, die Aufhängung der Krananlagen und unzählige haustechnische Installationen x-fach durchbrochen worden, was bauphysikalische Schwierigkeiten und hohe Kosten nach sich gezogen hätte. Zudem wollte man die besondere Ambiance des Innenraums als Umfeld für die Möbelausstellung ja gerade erhalten. In Absprache mit der Energiefachstelle entschied man daher, nur die Fenster zu verbessern.

Versteckte Radiatoren
Genügte den Schwerarbeitern dereinst eine Raumtemperatur von 15°C, benötigen die Planer an ihren Arbeitsplätzen mindestens 20°C. Im Verkaufsbereich sind gar 22°C gefragt, da niemand Möbel kauft, wenn sie sich kalt anfühlen. Die Leistung des Wärmeabgabesystems musste also erhöht werden. Um den Raum mit einem Volumen von 10000 m3 nach den heutigen Bedürfnissen zu heizen, sind 200 kW gefordert. Während die bestehenden Deckenstrahler beibehalten werden konnten, wurden die gusseisernen Heizrohre an den Wänden durch leistungsfähigere Heizkörper ersetzt. Die Hauptlast übernehmen sechs grosse 12-kW-Radiatoren. Weil diese das Erscheinungsbild der Halle optisch sehr verändert hätten, wurden sie hinter freistehenden Leichtbau-Plattenwänden versteckt, die im Abstand von rund einem halben Meter vor den Hallenwänden stehen und innerhalb der Halle sozusagen einen virtuellen Büroraum entstehen lassen. 

Noch mehr Werkhaus: Der Anbau 2006
Die Büro Schoch Werkhaus AG hatte offensichtlich auf guten Boden gebaut, denn das Unternehmen mit der bekannten roten Kugel vor dem Eingangsbereich gedieh und wuchs. Bald schon zeichnete sich ab, dass der 10'000-Kubikmeter-Raum zu eng wird. Im Jahr 2006 wurde der markante Werkhaus-Rundbau mit dem sogenannten "Spickel" um eine Fläche von 250 m² erweitert. 

Mittlerweile ist das Werkhaus aber viel mehr als nur Planungs-, Management- und Ausstellungsort sondern auch ein beliebter Ort der Begegnung und des Genusses. Bei den wechselnden Sonderausstellungen und den wiederkehrenden Events trifft man hier auf spannende Menschen und Themen.